Bis zum Umfallen…

Bis zum Umfallen…

Eindrücke vom Pfingstseminar auf der Nordalb.

Pfingstmontag, 6. Juni 2022

Über das Pfingstwochenende war ich wieder bei „Kirche im Aufbruch“ auf der Nordalb. Wieder, weil ich dort schon einmal war, und zwar „vor Corona“, zur Jahreswechsel-Freizeit 2019/2020. Pfingsten wie damals ging es jeweils um den Heiligen Geist. Damals war Wes Hall der Hauptreferent, diesmal war es Christophe Domes mit seinem Team. Christophe Domes ist Pastor einer Berliner Freikirche namens „diekreative“. Von ihm lag auch einmal ein Buch mit dem kreativen Titel „HEILIGE GEIST, DER“ auf dem Büchertisch unserer Gemeinde, das von einigen Gemeindemitgliedern empfohlen wurde, so dass ich es mir auch bestellte, obwohl ich schon so viele Heilig-Geist-Bücher habe, die mich bisher allerdings noch keinen Schritt weitergebracht haben dahingehend, den Heiligen Geist und seine Wirkungen auch einmal selbst zu erleben. Umso gespannter war ich nun auf die Pfingstkonferenz.

Blick von der Nordalb auf den Ort Deggingen

Erster Tag: Impulsvortrag

Und die ging am Freitag abend auch gleich richtig los: Nach einer Lobpreis-Zeit und einem einführenden Vortrag von Christophe über seine Erfahrungen mit dem Heiligen Geist konnte, wer wollte, nach vorne kommen und unter Handauflegung für sich um die Erfüllung mit dem Heiligen Geist beten lassen. Mindestens die Hälfte der Seminarteilnehmer zeigten daraufhin auch gleich Reaktionen wie nach hinten Umfallen und „Ruhen im Geist“. Manche lachten oder weinten auch. Bei mir tat sich leider nichts Dergleichen, aber das war ja erst der Auftakt, also bestand noch eine Chance…

Zweiter Tag: Workshops

Am nächsten Tag sollte es vier Workshops geben, von denen jeweils zwei zeitgleich stattfanden, so dass man sich für zwei Workshops entscheiden konnte. Interessiert hätten mich „Evangelisation“ und „Befreiungsdienst“, aber ausgerechnet diese wurden ersetzt durch „Engel“ und „Sprachengebet“. Die anderen beiden Workshops waren „Heilung“ und „Prophetie“. Diese sollten in einem anderen Seminarraum stattfinden, was ich aber irgendwie nicht richtig mitbekam, daher blieb ich in der Haupthalle und nahm halt an „Engel“ und „Sprachengebet“ teil.

Beim „Engel“-Workshop weiß ich schon gar nicht mehr so genau, worum es da ging, aber im Großen und Ganzen beschränkte er sich auf die biblischen Aussagen zu diesem Thema (wie z.B. Offb 19,10 und Offb 22,8-9), also dass Engel Boten Gottes sind und dass man sie nicht anbeten soll – was jetzt nicht wirklich etwas Neues für mich war. Der Workshop zum Sprachengebet war dagegen schon interessanter. Hier ging es weniger darum, das Sprachengebet zu üben, sondern um dessen Auslegung. Wobei diese Auslegung keine wirkliche Übersetzung im engeren Sinne war, sondern ein Sammeln von „Eindrücken“, die einem beim Hören des Sprachengebets so kamen.

Dazu bildeten wir kleinere Gruppen zu je 3-5 Personen, von denen der Reihe nach eine in Sprachen betete und die anderen zuhörten und auf innere Eindrücke oder Bilder achteten. Wir waren zu dritt, und interessanterweise kam es beim Hören zu Übereinstimmungen zwischen den beiden „Auslegern“. So kam mir beim Zuhören das Bild eines Schäfers mit einem Hirtenstab, der eine immer größer werdenden Schafherde hinter sich her zu einem Fluss führt. Natürlich kam mir sofort Psalm 23 in den Sinn und ich dachte: Wie abgedroschen ist das denn? Aber das Bild blieb, und dann kam mir noch die Aussage „Meine Schafe hören meine Stimme“ aus Joh 10,27 und das Wort „Messias“ in den Sinn. Die andere Auslegerin zeigte sich daraufhin sichtlich bewegt, da sie ebenfalls den Eindruck eines Hirten erhalten hatte, nachdem sie zuvor eine Art Sternenhimmel gesehen hatte, von dem die Sterne allerdings nach oben aufstiegen.

Später wurde dann auch das Auslegen des eigenen Sprachengebets geübt. So legte Hannah für mich aus: „Gott hat dir ein Werkzeug in die Hand gegeben, aber du weißt noch nicht, wie du es einsetzen kannst.“ Dan, einer von Christophes Team, bemerkte dazu: „Das zeigt sich oft erst mit der Anwendung des Werkzeugs.“ Was dieses Werkzeug war, blieb Gegenstand von Vermutungen. Ich dachte dabei an das Wort Gottes, das man für sich proklamieren kann. Gott selbst hat sein Wort ja mal als „Hammer, der Felsen zerschmettert“, bezeichnet (Jer 23,29). Gottes Wort als effektives „Werkzeug“ zu gebrauchen, ist ja ein wesentlicher Bestandteil des Glaubens.

Links: Bild im Zimmer. Rechts: Spaziergang auf der Nordalb

Exkurs: Sprachengebet

Zum Thema Sprachengebet: Das habe ich zwar schon öfters ausprobiert, aber so richtig „warm“ werde ich damit nicht. In charismatischen Gemeinden ist das Sprachengebet ja gang und gäbe; andere lehnen es als unbiblisch ab, zumindest das heute anzutreffende „Gebrabbel“, das keine wirkliche Sprache ist, sondern eben nur unverständliches Kauderwelsch. Mir persönlich kommt es unnatürlich und „künstlich“ vor. Ich habe sogar irgendwie den Eindruck, Gott zu „beleidigen“, wenn ich versuche, auf diese Weise zu beten. Ich meine, welches erwachsene Kind brabbelt denn zu seinen Eltern? Wenn das ein Baby tut, ist das ganz normal, aber ein erwachsenes Kind?

Derek Prince sieht das Sprachengebet als den einzigen Beweis dafür an, dass eine Person den Heiligen Geist empfangen hat. Wobei er hier a) zwischen dem erstmaligen Empfangen des Heiligen Geistes bei der Neugeburt infolge der Bekehrung und b) der darauffolgenden, wiederholten und fortlaufenden Erfüllung mit dem Heiligen Geist unterscheidet, was er auch mit vielen Bibelstellen theologisch einleuchtend begründet. Andere machen eine solche Unterscheidung nicht und begründen dies ebenso überzeugend und einleuchtend, so dass man sich als theologischer Laie letztendlich die Variante aussuchen kann, die einem am besten zusagt. (Dasselbe gilt übrigens auch für andere Fragen wie z.B. die, ob die „Entrückung“ der Gemeinde vor, nach oder während der Trübsalszeit stattfindet.)

Aber angenommen, es ist so, wie Derek Prince sagt, dann frage ich mich: Wodurch lässt sich das biblische Sprechen in anderen Sprachen von selbstproduziertem „Kauderwelsch“ unterscheiden? Denn Kauderwelsch produzieren konnte ich auch schon vor meiner Bekehrung, und es unterscheidet sich in nichts davon, wenn ich heute versuche, „in Zungen zu reden“. Es „fließt“ auch nicht von alleine, sondern es ist auf Dauer anstrengend und ich muss es bewusst aufrechterhalten. Das empfinde ich als alles andere als „erbauend“, wie Paulus es in 1Kor 14,4 schreibt. Das kann doch nicht das biblische Sprachengebet sein, oder?

Ich finde es auch immer seltsam, wenn Derek Prince und andere die Leute zum Sprachengebet „anleiten“, indem sie sagen, nachdem man um die Erfüllung mit dem Heiligen Geist gebetet hat, soll man den Mund öffnen und einfach mal die Zunge bewegen. Haben das die Apostel den Menschen damals auch so explizit gesagt? In der Apostelgeschichte lese ich nichts davon. Stattdessen haben Cornelius oder die Jünger in Ephesus spontan damit angefangen – offenbar weil es „aus ihnen herauskam“, und nicht, weil sie dazu angeleitet wurden.

Auch heute erzählen Menschen, die irgendwann das ihrer Ansicht nach „echte“ Sprachengebet empfangen haben, dass das, was sie vorher probiert haben, nicht das wirkliche Sprachengebet gewesen ist. Es scheint also abgesehen von der äußerlichen Erscheinungsform noch ein anderes Unterscheidungskriterium geben zu müssen, um nicht fälschlicherweise etwas als Sprachengebet zu identifizieren oder von anderen attestiert zu bekommen, was in Wirklichkeit vielleicht nur ein angelernter Automatismus ist.

Nachtrag vom 13.07.2022: Ein Erfahrungsbericht zum Sprachengebet

Hier ein aktueller Bericht einer Christin, die sich übrigens im selben Jahr wie ich (2018) bekehrt hat:

Im selben Monat war ich auf der Herbsttagung der GGE Westfalen. Während eines Lobpreisliedes über den Heiligen Geist hatte ich auf einmal den Eindruck, Jesus würde direkt vor mir stehen, mich umarmen und mit seiner Liebe einhüllen. Mein Gesicht fing an zu zucken, meine Lippen bebten. Am Tag danach dankte ich Jesus im Gebet, fragte ihn, was das zu bedeuten hätte, und bat ihn um Klarheit.

Als ich nach dem Wochenende meine pflegebedürftige Mutter besuchte, fingen meine Lippen wieder an zu beben, sobald ich das Zimmer betrat. Mir war das ein wenig unheimlich, aber da es von Gott kam, ließ ich mich darauf ein. Als ich Luft durch meine Stimmbänder strömen ließ, waren einzelne Silben zu hören. Da saß ich also am Bett meiner Mutter und brabbelte vor mich hin. Da sie kaum noch bei Bewusstsein war, konnte ich es zulassen, ohne für verrückt gehalten zu werden. Bei meinem Vater im Krankenhaus fing mein Mund ebenfalls wie von selbst an zu brabbeln. Ich ließ es nur so weit zu, dass er es nicht bemerkte. Das Gebrabbel ging jedes Mal los, sobald ich meine Eltern besuchte. Was war passiert? Gott hatte meine Hilflosigkeit erkannt und mir das Sprachengebet gegeben, sodass sein Geist durch mich für meine Eltern beten konnte.

Quelle: Artikel von Katharina Werner, veröffentlicht auf S. 17 der Zeitschrift „Geistesgegenwärtig“ Nr. 2/2022. Hervorhebungen von mir.

Dies ist nur eins von vielen Beispielen, in denen Menschen vom Empfang des „echten“ Sprachengebets berichten. Hier wird nicht versucht, Zungen oder Lippen bewusst zu bewegen, um Silben hervorzubringen, sondern alles, was der Mensch dazutun muss, ist, Luft durch die Stimmbänder strömen zu lassen und das vom Geist Gottes ausgelöste „Gebrabbel“ zulassen.

Fazit für mich: Es macht keinen Sinn, das Sprachengebet „forcieren“ zu wollen, indem man bewusst irgendwelches „Kauderwelsch“ produziert – das ist nicht das echte Sprachengebet! Gott gibt es einem zu Seiner Zeit.

Abendstimmung im Innenhof

Zweiter Tag: Abendprogramm

Aber zurück zur Pfingstfreizeit von „Kirche im Aufbruch“: Am Abend des zweiten Tages gab es dann wieder einen Vortrag über den Heiligen Geist und seine Wirkungen, und dann konnte man wieder nach vorne kommen, um für sich unter Handauflegung für die Erfüllung mit dem Heiligen Geist beten lassen. Die „Catcher“ (so heißen die wirklich) stellten sich dazu immer hinter die Person, für die jeweils gebetet wurde, um sie im Falle des Umfallens aufzufangen und sanft auf den Boden zu legen. Und diesmal ging es richtig ab: Die meisten der ca. 75 Teilnehmer haben den Heiligen Geist offenbar sehr stark erlebt: sie sind „umgefallen“, haben gelacht, geweint, gezittert, geschrien, gejubelt, … nur bei zwei Stefans hat sich nichts Dergleichen getan – wir blieben stehen wie ein Baum.

Anscheinend haben die Beter ein „Gespür“ dafür, wer in dieser Hinsicht empfänglich ist und wer nicht, und bei wem es Sinn macht, länger zu beten, denn für einige Personen haben sie recht lange gebetet, bevor sie Reaktionen zeigten, für andere wie mich dagegen nur wenige Sekunden, bevor sie zum nächsten weitergingen. Wenigstens kann ich den Betern zugutehalten, dass sie nicht versucht haben, die Personen zu manipulieren, wie ich das bei der „Awakening Europe“-Veranstaltung letzten Juli im Gospel Life Center in Feldkirchen erlebt habe: Hier waren auch etliche Teilnehmer „umgefallen“, nachdem Ben Fitzgerald durch die Reihen gegangen war und für sie gebetet hatte. Als er zu mir kam und ich keine Reaktion zeigte, übte er irgendwann mit seiner Hand einen so starken physischen Druck auf meinen Oberkörper aus, dass ich tatsächlich fast umgefallen wäre – aber eben nicht durch den Heiligen Geist, sondern durch Ben. Das fand ich dann doch sehr manipulativ und ich gab dem Druck absichtlich nicht nach, um sein Spiel nicht „mitzuspielen“.

Bei Christophe Domes und seinem Team konnte ich dagegen beobachten, dass einigen Leuten tatsächlich die Beine weggeknickt sind, was dann zu deren Umfallen geführt hat. Hier scheint also wirklich eine Reaktion auf etwas stattgefunden zu haben, das die betreffenden Personen nicht kontrollieren konnten. Auch scheint es sie emotional sehr stark berührt zu haben, wie man allein schon an ihren Lautäußerungen erkennen konnte; aber sie berichteten hinterher auch davon.

Ich hätte zwar selbst auch gerne mal so eine Berührung durch den Heiligen Geist erlebt, weniger wegen des Außergewöhnlichen, sondern weil ich einfach mal gerne die Freude und die Liebe Gottes so richtig real erleben würde, und um nicht etwas Wesentliches zu verpassen, das Gott für seine Kinder bereithält. Immerhin werden Liebe und Freude in Gal 5,22 ja als die ersten zwei von neun Früchten des Heiligen Geistes genannt. Und ich dachte auch: Wenn nicht jetzt, wann dann? Und das Setting war ja auch perfekt: Der Impulsvortrag war begeisternd und hatte „Hunger nach mehr“ gemacht; es war ermutigend zu sehen, wie es bei anderen Teilnehmern „funktionierte“; die tolle Lobpreismusik der wirklich sehr guten „hauseigenen“ Lobpreis-Band tat ihr Übriges dazu – was konnte da noch fehlen?

Lobpreis beim Pfingstseminar

Bewahrung?

Dass es bei mir (mal wieder) nicht funktionierte, obwohl ich Gott einmal mehr eindringlich um die Taufe im Heiligen Geist gebeten hatte, hat mich daher schon ein wenig enttäuscht. Aber vielleicht sollte ich Gott eher dankbar sein, denn eine „Ent-Täuschung“ ist ja nur die Hinwegnahme einer Täuschung und somit eigentlich etwas Positives. Vielleicht war die ganze „Show“ ja tatsächlich eine große Täuschung? Ich kann das nicht beurteilen und will auch nicht vorschnell irgendetwas behaupten, von dem ich keine Ahnung habe. Aber ich mache mir jetzt natürlich schon Gedanken darüber, warum bei mir „nichts passiert“ ist.

Auch in meinem „alten Leben“ habe ich nie irgendwelche außergewöhnlichen Erfahrungen im Bereich der Esoterik und der Spiritualität gemacht, obwohl ich eigentlich immer danach gesucht hatte. Und was habe ich nicht alles ausprobiert, nur um etwas zu erfahren, das über die Begrenztheit des normalen Tagesbewusstseins hinausgeht und etwas von dem Großen Dahinter zu erhaschen. Das war Teil meiner jahrzehntelangen, vergeblichen „Suche nach Gott“. Rückblickend sehe ich es so, dass Gott mich davor bewahrt hat, tiefer in geistliche Bereiche hineinzurutschen, als vielleicht gut für mich gewesen wäre. Vielleicht war es auch diesmal wieder so?

Und nicht zuletzt wurde ich infolge meiner Bekehrung zu Gott ja auch auf sehr unspektakuläre Weise von dämonischen Einflüssen befreit, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich ihnen überhaupt ausgesetzt war, bzw. ich hatte dies subjektiv nicht als bedrohlich oder schädlich empfunden. Das war sogar so „unspektakulär“, dass ich es erst 1½ Jahre später bemerkte…

Somit bin ich Gott dankbar, dass er mich weiterhin bewahrt und nicht zulässt, dass ich negativen geistlichen Einflüssen ausgesetzt bin, die mir schaden könnten. Ich werde Gott zwar weiter um die Taufe im Heiligen Geist bitten und darum, mich seine Liebe und die den Kindern Gottes zustehende Freude erleben zu lassen, aber ob solche „Pfingstveranstaltungen“ dazu der geeignete Rahmen sind, weiß ich nicht. Für manche mag es das sein, für mich anscheinend eher nicht. Immerhin kann ich mir nicht vorwerfen, mich nicht darauf eingelassen zu haben.

Flagge „Jesus ist Herr“
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